Mitte der 90er als Kiddie-Punkband (natürlich!) von ein paar 14- und 15-jährigen Enthusiasten im niedersächsischen Hardcore-Provinznest Peine gegründet, zogen alle vier Bandmitglieder in den Folgejahren nacheinander nach Hamburg. Dort leben Schrottgrenze längst lange genug, um das bisweilen rauhe, stürmische und auch oft melancholisch-regenverhangene Klima an der Elbe verinnerlicht zu haben. Das Ergebnis ist in der Musik dieser Band nun regelrecht mit Händen greifbar.
Schrottgrenze haben in den letzten Jahren wahrscheinlich mehr Probleme mit Umbesetzungen, Ortswechseln, nicht eingehaltenen Versprechungen von Labels, internen und externen Schwierigkeiten jeder Sorte weggesteckt, als so ziemlich jede andere, deutsche Gruppe. Gitarrist Timo: "Wir jammern nicht, wie hart die Zeiten sind und was man mit vergangenen Platten schon alles hätte erreichen können. Schrottgrenze 2004/2005 ist ein neues Spiel. Wir glauben zum ersten mal, alles so zusammen zu haben, dass es passt".
Dazu gehört essentiell der Bandname. Seit alten Deutsch-Punk-Tagen durchgezogen und bei den Fans ein zwingender Kult, steht die Gruppe längst souverän dahinter. Drummer Alex: "Der Name ist ein Teil von uns. Wer sich unsere Musik anhört, bekommt schnell mit, wie wir mit dem durchaus gewollten Kontrast spielen zwischen dem extraharschen und roughen Namen einerseits und den sehr melodiegeladenen und oft auch sehr harmonischen Dingen, die in unserer Musik ablaufen. Wir mögen Überraschungen. Und wir werden uns nicht plötzlich in 'Herbstmilch' oder 'Junimond' oder 'Rote Autos' umbenennen, damit sich das im Radio leichter ausspricht". Bei Schrottgrenze sitzt Alex Tsitsigias übrigens auf der ziemlich ungewöhnlichen Position als gleichzeitig lead-singender und fast alle Songs und Texte schreibender Schlagzeuger. Seine Melodien und seine Texte - melancholisch sich selbst und andere beobachtend, mit reichlich Mut zu selbstoffenbarenden, unpeinlichen Einblicken - lassen den Hörer ohne Wartezeit in die Seele eines Menschen tauchen, den man plötzlich zu kennen glaubt und sich sicher ist, dass Musik die grosse Liebe seines Lebens sein muss.
So schaffen Schrottgrenze musikalisch den unbreitbeinigen Spagat aus Indie Rock, Emotionalität und viel Punk, ohne die Explosiviät der Band an der Studiotür abgegeben zu haben. Sind Schrottgrenze ein absoluter Hoffnungsträger der deutschen Szene, eine klasse Band? Wir schätzen ja, aber das überrascht niemand. Also: ihr entscheidet - das 'Flex Your Head'-Fanzine befand jedenfalls jüngst schon mal: "...kombinieren excellente, klischeefreie, deutsche Texte mit zuckerbittersüssen Melodien und mächtigen Gitarrenwänden, die mehr als einmal an Foo Fighters, Guided By Voices, The Who oder Hüsker Dü denken lassen. BRD-Punkband der Stunde, definitiv". Widersprechen möchten wir da nicht, ganz im Gegenteil. Doch unter dem Strich fällt einem sowieso niemand ein, mit dem Schrottgrenze und 'Das Ende unserer Zeit' wirklich vergleichbar wären - oder?? Diese Gruppe hat ihren eigenen Kosmos erschaffen.
Eigenständigkeit ergibt sich aus der Art und Weise, in der bei Schrottgrenze neue Songs entstehen. Lead-Gitarrist L.H.Müller hat das Album selbst im Bandeigenen Studio produziert. Den Musikern liess dass nicht nur viel Zeit und Ruhe, sondern es entstand eine besondere, sehr authentische Atmosphäre auf den Bändern. "So wie ich das sehe, ist Alex der Käpt'n, stehend auf der Brücke. Die Musik umgibt ihn wie wildes Wasser" meint ein philosophisch angehauchter Tobias Levin, der die LP im Electric Avenue-Studio gemischt hat. Blumfeld-Produzent Chris von Rautenkranz verpasste den 14 Stücken dann per Mastering im Soundgarden-Studio den Feinschliff. Wer nach diesem Namedropping bei Schrottgrenze ein Stück Hamburger Schule ausmacht, liegt allerdings richtig schief. Ganz im Gegensatz zur überzogenen Kopflastigkeit der meisten Hamburg-Bands kriegen es Schrottgrenze nämlich sehr wohl hin, einen Track stets rechtzeitig auf den Boden zurückzubringen und knallen zu lassen. Noch mal Timo: "Wenn uns jemand fragt, wie wir uns selbst sehen, dann ist die Antwort auf jeden Fall im Zweifel immer: als Punk-Band. Kein stumpfes Geballer, sondern Punk Rock im positiven Sinne von eigene Entscheidungen treffen, selber was auf die Beine stellen, mitdenken und trotzdem gut rocken".
"Das Ende unserer Zeit" ist das bisher mit weitem Abstand schlüssigste Schrottgrenze-Album. Ab Oktober bis Jahresende 2004 spielt die Band nicht weniger als 40 Konzerte in der BRD und Österreich. "Wie lange wird Deutschland noch brauchen, um zu erkennen, dass Schrottgrenze zu den allerbesten Gitarren- Bands im Land zählen?" fragt sich 'Ox'-Redakteur Tom van Laak in der aktuellen Ausgabe. Schaun wir mal. Die Zeit ist eigentlich reif.


